Ratgeber · Prävention

Schwangerschaft und Zahngesundheit. Was Sie wissen sollten.

Hormonelle Veränderungen in der Schwangerschaft erhöhen das Risiko für Zahnfleischentzündungen und Karies. Routinekontrollen und Dentalhygiene sind in jedem Trimester sicher. Bei akuten Beschwerden gehen Sie sofort zum Zahnarzt, eine unbehandelte Entzündung ist riskanter als die meisten Behandlungen.

Das Wichtigste

Hormonelle Veränderungen erhöhen in der Schwangerschaft das Risiko für Zahnfleischentzündungen und Karies. Routinekontrollen und Dentalhygiene sind in jedem Trimester sicher, planbare Behandlungen finden idealerweise im zweiten Trimester statt. Bei akuten Beschwerden gehören Sie sofort behandelt, denn eine unbehandelte Entzündung ist riskanter als die meisten Behandlungen.

Verfasst von Dr. Fredrik Nord 20. September 2025 7 Min Lesezeit

Was sich in der Schwangerschaft verändert

Eine Schwangerschaft wirkt sich auf den ganzen Körper aus, einschliesslich der Mundhöhle. Drei Veränderungen sind besonders relevant für die Zahngesundheit.

Hormonelle Veränderungen. Östrogen- und Progesteron-Spiegel steigen deutlich. Das Zahnfleisch reagiert empfindlicher auf bakterielle Plaque, die Entzündungsneigung steigt.

Speichelzusammensetzung. Der Speichel wird saurer, gleichzeitig produzieren manche Schwangere weniger Speichel. Beides erhöht das Karies-Risiko, weil der Speichel normalerweise Säuren neutralisiert und remineralisierende Mineralien an die Zähne abgibt.

Erbrechen in der Frühschwangerschaft. Häufiges Erbrechen, besonders im ersten Trimester, bringt Magensäure in Kontakt mit den Zähnen. Die Säure greift den Zahnschmelz direkt an. Wer nach dem Erbrechen sofort die Zähne putzt, reibt die durch die Säure aufgeweichte Schmelzschicht ab. Besser: Mund mit Wasser oder Fluorid-Spülung ausspülen, eine halbe Stunde warten, dann putzen.

Schwangerschaftsgingivitis

Die häufigste Mundgesundheits-Veränderung in der Schwangerschaft ist die Gingivitis, eine Entzündung des Zahnfleischs. Studien zeigen, dass über fünfzig Prozent aller Schwangeren irgendeine Form von Gingivitis entwickeln, häufig zwischen dem zweiten und achten Schwangerschaftsmonat.

Die Symptome sind:

  • Rötung und Schwellung des Zahnfleischs
  • Blutung beim Zähneputzen
  • Vergrösserung der Zahnfleischpapillen zwischen den Zähnen
  • In seltenen Fällen ein lokalisierter “Schwangerschaftstumor” (Granuloma gravidarum), eine gutartige Wucherung, die nach der Geburt von selbst zurückgeht

Die Behandlung ist gleich wie bei einer normalen Gingivitis: gründliche Mundhygiene, professionelle Reinigung in der Praxis. Unbehandelte Gingivitis kann sich zu einer Parodontitis entwickeln, die Knochenabbau verursacht und langfristig Zähne gefährdet. Mehrere Studien haben einen statistischen Zusammenhang zwischen schwerer Parodontitis in der Schwangerschaft und einem leicht erhöhten Risiko für Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht gezeigt. Die kausale Beziehung ist noch nicht abschliessend geklärt, aber die Dentalhygiene ist in jedem Trimester unbedenklich und wird als präventive Massnahme empfohlen.

Karies-Risiko in der Schwangerschaft

Die Kombination aus saurerem Speichel, häufigerem Erbrechen und veränderten Essgewohnheiten (z.B. häufige kleine Snacks gegen Übelkeit) erhöht das Karies-Risiko. Wer in der Schwangerschaft nicht aufmerksam ist, kann nach der Geburt mehr neue Karies haben als vorher.

Vorbeugende Massnahmen:

  • Zähne zwei Mal täglich gründlich putzen, eine Fluorid-haltige Zahnpasta verwenden
  • Zwischenraumpflege nicht vernachlässigen
  • Bei häufigen kleinen Mahlzeiten nach Möglichkeit Wasser zum Nachspülen
  • Auf zucker- oder säurehaltige Getränke zwischen den Mahlzeiten verzichten
  • Routine-Kontrollen einhalten, idealerweise eine Hygiene-Sitzung im zweiten Trimester planen

Was unbedenklich ist

Routine-Zahnbehandlungen sind in der Schwangerschaft sicher und sollten nicht verschoben werden, wenn sie medizinisch notwendig sind.

Routine-Kontrolluntersuchungen. Können in jedem Trimester durchgeführt werden.

Dentalhygiene-Sitzungen. Jederzeit unbedenklich, präventiv besonders empfohlen.

Lokalanästhesie. Standard-Lokalanästhetika ohne Adrenalin oder mit niedrigem Adrenalin-Anteil sind in der Schwangerschaft sicher. Bei Behandlungen, die ohne Anästhesie für Sie schmerzhaft wären, ist die Anästhesie sicherer als die ungehemmte Stress-Reaktion.

Karies-Behandlung mit Komposit-Füllungen. Sicher in jedem Trimester. Aufschub bei kleiner Karies ist möglich, bei tiefer Karies oder Schmerzen ist die zeitnahe Behandlung wichtig.

Notfallbehandlungen. Eine akute Entzündung am Zahn ist in jedem Trimester ein Behandlungsgrund. Eine unbehandelte Pulpa-Entzündung kann sich zu einem Abszess entwickeln, der eine systemische Bedeutung haben kann.

Wurzelbehandlung. Wenn medizinisch notwendig, in jedem Trimester durchführbar. Mehr zur Wurzelbehandlung im entsprechenden Artikel.

Röntgen mit Indikation. Standard-Zahnröntgen mit moderner Technik (digital, fokussierter Strahl, Bleischürze) hat eine sehr niedrige Strahlenbelastung, die deutlich unter den natürlichen Hintergrundstrahlung-Werten liegt. Bei klarer Indikation ist eine Aufnahme auch in der Schwangerschaft vertretbar. Bei nur leicht hilfreicher Indikation wird die Aufnahme nach Möglichkeit auf die Zeit nach der Schwangerschaft verschoben.

Was vermieden wird

Manche Behandlungen werden während der Schwangerschaft auf die Zeit danach verschoben, weil die Notwendigkeit nicht akut ist und der Aufschub keine medizinischen Nachteile hat.

Bleaching und ästhetische Behandlungen. Verschoben, weil keine ausreichende Studienlage zur Unbedenklichkeit der Bleaching-Wirkstoffe in der Schwangerschaft vorliegt. Mehr zum Bleaching im entsprechenden Artikel.

Routine-Röntgen ohne klare Indikation. Aufschub, weil jede vermeidbare Strahlenbelastung sinnvoll ist.

Implantate und elektive chirurgische Eingriffe. Verschoben auf die Zeit nach der Schwangerschaft, weil sie planbar sind. Bei akuten chirurgischen Notwendigkeiten (z.B. Abszess-Drainage) wird auch in der Schwangerschaft operiert.

Bestimmte Medikamente. Manche Antibiotika und Schmerzmittel sind in der Schwangerschaft nicht erlaubt. Tetracycline beispielsweise verursachen Verfärbungen der bleibenden Zähne des Kindes. Wir verschreiben in der Schwangerschaft nur Medikamente, die für die Schwangerschaft freigegeben sind.

Welches Trimester für was

Erstes Trimester (Woche 1-12). Die kritischste Phase für die Organbildung des Kindes. Routinekontrollen und Dentalhygiene sind möglich, elektive Behandlungen werden auf das zweite Trimester verschoben. Notfallbehandlungen werden durchgeführt.

Zweites Trimester (Woche 13-26). Die ruhigste Phase. Hier finden idealerweise alle planbaren Behandlungen statt: Karies-Behandlungen, Dentalhygiene, gegebenenfalls notwendige Wurzelbehandlungen.

Drittes Trimester (Woche 27-Geburt). Weniger ideal für längere Behandlungen, weil das längere Liegen auf dem Rücken den Druck der Gebärmutter auf die untere Hohlvene verstärkt (Vena-Cava-Syndrom). Wir lagern Patientinnen im dritten Trimester deshalb leicht zur linken Seite oder mit Knierolle. Routine-Kontrollen und Hygiene-Sitzungen sind möglich, aufwendige Behandlungen werden nach Möglichkeit auf nach der Geburt verschoben.

Nach der Geburt

Die hormonellen Veränderungen klingen nach der Geburt ab. Die Gingivitis bildet sich in den meisten Fällen zurück, vorausgesetzt die Mundhygiene wird konsequent fortgesetzt.

Eine Recall-Kontrolle drei bis sechs Monate nach der Geburt ist sinnvoll. Wenn während der Schwangerschaft Karies entstanden ist, wird sie jetzt behandelt. Verschobene elektive Behandlungen wie Bleaching oder Implantate können geplant werden.

Beim Stillen sind die meisten zahnmedizinischen Behandlungen unbedenklich. Bei Medikamenten klären wir die Stillzeit-Verträglichkeit individuell.

Zahnpflege beim Säugling und Kleinkind

Die Mundpflege des Kindes beginnt mit dem ersten Zahn, also typischerweise um den sechsten Lebensmonat. Wir empfehlen:

  • Vom ersten Zahn an einmal täglich mit weicher Babyzahnbürste und einer reiskorngrossen Menge Fluorid-Zahnpasta putzen, ab zwei Jahren zwei Mal täglich.
  • Karies-Übertragung minimieren. Karies-Bakterien werden von Bezugspersonen auf das Kind übertragen, häufig über den gemeinsamen Löffel oder das Ablecken des Schnullers. Wenn Sie als Bezugsperson Karies haben, behandeln Sie diese, bevor Sie das Kind regelmässig küssen oder Speichel-Kontakt haben.
  • Erste Vorstellung in der Praxis zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag. Mehr zur Kinderzahnmedizin auf der Service-Übersicht.
  • Nuckelflasche mit Säften und süssen Getränken vermeiden. Frühkindliche Karies (Nuckelflaschen-Karies) entsteht häufig durch Dauerkontakt mit Zucker.

Wie Resident schwangere Patientinnen begleitet

Bei Bekanntwerden einer Schwangerschaft empfehlen wir eine Hygiene-Sitzung im zweiten Trimester und gegebenenfalls eine Kontrolluntersuchung. Wenn Sie in den ersten Wochen verstärkt unter Übelkeit leiden, klären wir die Mundhygiene-Anpassungen telefonisch oder per Mail.

Bei akuten Beschwerden während der Schwangerschaft sind wir an allen Standorten verfügbar. Mo-Fr 07:00 bis 20:00, in Winterthur und Rapperswil-Jona auch am Wochenende. Bei Notfällen ausserhalb der Sprechzeiten finden Sie die Notfall-Information auf der Notfall-Landingpage.

Wenn Sie eine Schwangerschaft planen oder gerade eine Schwangerschaft bestätigt bekommen haben, ist eine Vorab-Beratung sinnvoll. Wir besprechen Ihren Befund, planen die Routine-Kontrollen und klären, was vor der Schwangerschaft noch behandelt werden sollte. Vereinbaren Sie einen Termin in Ihrer Praxis.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Darf ich in der Schwangerschaft zum Zahnarzt?

Ja. Routine-Kontrollen und eine professionelle Dentalhygiene sind in jedem Trimester sicher und sogar empfohlen, weil das Risiko für Zahnfleischentzündungen steigt. Planbare Behandlungen legen wir nach Möglichkeit ins zweite Trimester. Akute Beschwerden behandeln wir jederzeit, denn eine unbehandelte Entzündung ist das grössere Risiko.

Ist eine örtliche Betäubung in der Schwangerschaft unbedenklich?

Standard-Lokalanästhetika gelten in der Schwangerschaft als sicher, besonders Präparate ohne oder mit niedrigem Adrenalin-Anteil. Bei einer Behandlung, die ohne Betäubung schmerzhaft wäre, ist die Anästhesie sicherer als die Stress-Reaktion auf den Schmerz. Informieren Sie uns über Ihre Schwangerschaft, damit wir die Auswahl darauf abstimmen.

Sind Zahnröntgen in der Schwangerschaft gefährlich für das Kind?

Modernes digitales Zahnröntgen mit fokussiertem Strahl und Bleischürze hat eine sehr niedrige Strahlenbelastung, die deutlich unter der natürlichen Hintergrundstrahlung liegt. Bei klarer medizinischer Indikation ist eine Aufnahme auch in der Schwangerschaft vertretbar. Routine-Aufnahmen ohne klare Notwendigkeit verschieben wir auf die Zeit nach der Geburt.

Warum blutet mein Zahnfleisch in der Schwangerschaft stärker?

Durch den Anstieg von Östrogen und Progesteron reagiert das Zahnfleisch empfindlicher auf bakterielle Plaque und entzündet sich leichter. Über die Hälfte aller Schwangeren entwickelt eine Form dieser Schwangerschaftsgingivitis. Gründliche Mundhygiene und eine professionelle Reinigung helfen, und nach der Geburt bildet sie sich meist wieder zurück.

Welche Zahnbehandlungen werden in der Schwangerschaft verschoben?

Rein elektive Eingriffe ohne medizinische Dringlichkeit werden auf die Zeit nach der Geburt verschoben, etwa Bleaching, ästhetische Behandlungen und planbare Implantate. Der Grund ist nicht ein bekanntes Risiko, sondern dass diese Behandlungen planbar sind und ein Aufschub keine Nachteile hat. Akute und medizinisch notwendige Behandlungen führen wir auch in der Schwangerschaft durch.

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